Stilllegung trotz Grüngasquote: Lohnt sich eine Gasheizung 2026 noch?
Die kurze Antwort zuerst: Eine neue Studie des Fraunhofer IFAM kommt zu dem Schluss, dass die Gasnetze in deutschen Wohngebieten bis spätestens 2045 großflächig stillgelegt werden – und zwar auch dann, wenn die geplante Grüngasquote kommt. Wer heute eine neue Gasheizung einbaut (Lebensdauer rund 20 Jahre), läuft damit genau in dieses Szenario hinein. Für die meisten Ein- und Zweifamilienhäuser ist die rechnerisch günstigere Wette inzwischen die Wärmepumpe.
Was die Fraunhofer-Studie sagt
Die Untersuchung des Fraunhofer IFAM (im Auftrag des Umweltinstituts München und der Initiative GasWende, Juli 2026) rechnet einen einfachen Mechanismus durch: Immer mehr Haushalte wechseln zu Wärmepumpe oder Fernwärme. Dadurch verteilen sich die festen Kosten des Gasnetzes auf immer weniger Anschlüsse. Die Netzentgelte steigen, weitere Kunden steigen aus – eine Abwärtsspirale.
Das Ergebnis der Modellrechnung: Ab spätestens 2045 können viele Netzbetreiber ihre Leitungen bei schrumpfender Kundenzahl nicht mehr kostendeckend betreiben und legen sie flächig still. Mehrere Großstädte planen das bereits offen: Jena, Bremerhaven, Düsseldorf und Oldenburg schreiben in ihrer kommunalen Wärmeplanung ausdrücklich, dass sie eine geordnete Stilllegung ihrer Gasnetze anstreben. In der Mehrheit der kommunalen Wärmepläne sind grüne Gase für die private Heizung schlicht nicht mehr vorgesehen.
Grüngasquote und Bio-Treppe – was ist das überhaupt?
Die Bundesregierung will die bekannte 65-Prozent-Erneuerbare-Vorgabe des Heizungsgesetzes durch zwei neue Instrumente ersetzen (Gebäude-Modernisierungsgesetz, Stand Juli 2026 noch Entwurf):
- Grüngasquote: Wer Gas verkauft, muss einen wachsenden Mindestanteil an grünem Gas beimischen. Geplanter Start ist 2028 mit einem sehr kleinen Anteil; die Details sind noch offen.
- Bio-Treppe: Wer ab 2029 eine neue fossile Gasheizung einbaut, muss sich vertraglich verpflichten, einen steigenden Anteil Biogas zu beziehen:
| Ab Jahr | Vorgeschriebener Biogas-Anteil |
|---|---|
| 2029 | 10 % |
| 2030 | 15 % |
| 2035 | 30 % |
| 2040 | 60 % |
Auf dem Papier klingt das nach einer Brücke, mit der die Gasheizung „grün" weiterläuft. Die Studie zeigt: Diese Brücke trägt nicht.
Warum Biogas die Gasheizung nicht rettet
Zwei Gründe. Erstens: Biomethan ist knapp und teuer. Es gibt schlicht nicht genug davon, um alle bestehenden Gasheizungen zu versorgen – die begrenzte Menge wird eher in Industrie und Schwerlastverkehr gebraucht. Zweitens: Genau deshalb wird es teuer. Die Studie rechnet für 2045 mit einem Biomethan-Preis zwischen 7,6 und 23 Cent pro Kilowattstunde (Mittelwert rund 12,8 ct/kWh).
Was das konkret heißt: Bei einem Verbrauch von 20.000 kWh im Jahr – ein typisches, nicht besonders gut gedämmtes Einfamilienhaus – landet man allein beim Brennstoff bei rund 1.500 bis 4.600 € pro Jahr, im Mittel etwa 2.560 €. Dazu kommen die steigenden Gas-Netzentgelte für die letzten am Netz verbliebenen Haushalte, die laut Studie mehrere Tausend Euro jährlich erreichen können.
Zum Vergleich rechnet die Studie vor: Ein Haushalt mit 15.000 kWh Wärmebedarf spart 2045 mit einer Wärmepumpe über 1.000 € pro Jahr gegenüber der Biomethan-Variante – und trägt nicht das Risiko, als einer der letzten am abzuschaltenden Netz hängen zu bleiben.
Volkswirtschaftlich warnt Fraunhofer außerdem: Wird zu spät entschieden, könnten sich die Netzkosten bundesweit um über 50 Milliarden Euro aufsummieren – Geld, das am Ende über die Netzentgelte bei den verbleibenden Gaskunden landet.
Was heißt das für meine Entscheidung?
Wichtig: Ihre bestehende Gasheizung müssen Sie nicht morgen ausbauen. Solange sie läuft und Ihr Gasnetz vor Ort noch nicht auf der Stilllegungsliste steht, dürfen Sie sie weiterbetreiben. Die Studie ist kein Abschalt-Datum für Ihren Keller.
Entscheidend wird es bei Neuanschaffung oder Heizungstausch. Eine heute neu eingebaute Gasheizung soll typischerweise 20 Jahre halten – also bis rund 2046. Das ist genau der Zeitraum, für den die Studie steigende Brennstoffkosten, steigende Netzentgelte und am Ende die Stilllegung prognostiziert. Sie riskieren damit eine Fehlinvestition, die Sie mitten in ihrer Laufzeit teuer umrüsten müssen.
Die Gegenrechnung fällt für viele Häuser klar aus:
- Eine Wärmepumpe wird über die staatliche BEG-Förderung aktuell mit bis zu 70 % bezuschusst – Details dazu im Heizungsförderung-2026-Ratgeber.
- Ob sich der Umstieg in Ihrem Haus rechnet, hängt vom Wärmebedarf, dem Strompreis und der Dämmung ab. Statt sich auf Faustregeln zu verlassen, können Sie Ihren Fall im Wärmepumpen-Rechner mit Ihren eigenen Zahlen durchspielen – inklusive Stromkosten und Förderung.
- Wenn Sie unsicher sind, ob Ihr (womöglich schlecht gedämmter) Altbau überhaupt WP-tauglich ist: Das klärt der Ratgeber Wann lohnt sich eine Wärmepumpe?.
Kurz gesagt: Die Grüngasquote ändert das Grundproblem nicht. Sie macht das Gas für die verbleibenden Kunden eher teurer, nicht billiger. Wer ohnehin vor einem Heizungstausch steht, sollte die 20-Jahre-Perspektive ehrlich in die Rechnung nehmen.
Häufige Fragen
Muss ich meine funktionierende Gasheizung jetzt rausreißen? Nein. Bestehende, funktionstüchtige Gasheizungen dürfen weiterlaufen. Die Studie beschreibt eine Entwicklung bis 2045, kein sofortiges Verbot. Relevant wird sie vor allem bei einem anstehenden Austausch.
Rettet die Grüngasquote nicht genau die Gasheizung? Laut Fraunhofer-Studie nicht. Grünes Gas (Biomethan) ist zu knapp und zu teuer, um flächendeckend Wohngebäude zu versorgen. Die Quote verteuert eher das Gas für die letzten Netzkunden, statt die Heizung dauerhaft zu sichern.
Woher weiß ich, ob mein Gasnetz stillgelegt wird? Das steht in der kommunalen Wärmeplanung Ihrer Stadt oder Gemeinde. Viele Großstädte haben ihre Pläne 2026 veröffentlicht; kleinere Kommunen ziehen bis 2028 nach. Ein Blick dorthin lohnt sich vor jeder größeren Heizungsentscheidung.
Lohnt sich eine Wärmepumpe für mich? Das hängt von Wärmebedarf, Strompreis, Dämmung und Förderung ab. Rechnen Sie Ihren konkreten Fall im Wärmepumpen-Rechner durch, statt sich auf pauschale Aussagen zu verlassen.
Quellen: Studie Fraunhofer IFAM im Auftrag des Umweltinstituts München und von GasWende (Juli 2026); kommunale Wärmeplanungen Jena/Bremerhaven/Düsseldorf/Oldenburg; Berichterstattung n-tv, t-online, IWR. Angaben zum Gebäude-Modernisierungsgesetz auf Entwurfsstand Juli 2026.